Interview: Serge Lutens

Serge Lutens

Serge Lutens. Allein dieser Name erweckt in mir Träume, Neugier und Begeisterung. Der 1942 in Lille geborene Grand Monsieur der Nischen-Parfüms ist einer meiner großen Helden in der Welt der schönen Dinge. Schon als Teenager hatte ich Ausrisse seiner künstlerischen Arbeit als Poster an meiner Wand hängen. Damals war er noch als Creative Director bei Shiseido zuständig für das Marken-Image und die Make-up Looks. Er arbeitete als Fotograf, Filmemacher, Haar-Stylist, Art Director und Modedesigner. Spätestens, seit er 2000 sein eigenes Parfumhaus gründete, bin ich seinen Kreationen verfallen. Daher war es mir auch eine wirklich große Ehre Monsieur Lutens persönlich in Paris zu treffen. In einem Séparé im Hotel Ritz ist es dann tatsächlich so weit. Ich bin sehr aufgeregt doch der filigrane, schwarz gekleidete Serge Lutens nimmt mir schnell die Aufregung und es entwickelt sich ein Gespräch, das die konventionellen Grenzen eines Interviews mit einem Parfümeur schnell hinter sich lässt. Monsieur Lutens spricht mit mir über Passion, Lachen, Tod und Identität.

Sascha Sarmast: Monsieur Lutens, wie prägt Ihr Leben Ihre Duftkreationen?

Serge Lutens: Ich bin kein Parfümeur im klassischen Sinne. Das Leben besteht aus vielen Ereignissen, in die man hineingerät. Nicht der Duft macht das Parfum. Es sind Charaktere oder Personen. Ich gebe etwas von mir selbst hinzu, also Charakter. Es ist eine Art, die Dinge zu betrachten, es ist Trost und vieles mehr, aber vor allem ist es sehr persönlich. Der gewählte Duft wird Gefühle auslösen, aber nicht ein Produkt nur für Frauen oder nur für Männer sein. Das ist mir vollkommen gleichgültig. Der Duft löst etwas in mir aus, das mich agiert, ich werde agiert. Ich bin untrennbar mit dieser Passion verbunden. Den Ausschlag gibt das persönliche Schicksal. Ich wurde 1942 in Nordfrankreich geboren. Meine Mutter war verheiratet. Sie hatte eine Affäre mit einem anderen Mann, meinem Vater, und ich bin aus dieser Geschichte hervorgegangen. Der Ehemann meiner Mutter weigerte sich, mich anzuerkennen, und auch der andere Mann wollte mich nicht haben (lacht schallend). Ich lache sehr gerne. Man muss entweder lachen oder weinen. Ich lache lieber. Meine Mutter befand sich also in einer schrecklichen Lage. Ehebruch war damals gesellschaftlich verpönt und sogar strafbar. Sie wollte mich aber bekommen. Sie war 32 Jahre alt und sie glaubte, es sei der richtige Zeitpunkt. Sie widersetzt sich allen Ratschlägen, mich wegzugeben, und gab mir als zweiten Vornamen den Namen meines leiblichen Vaters, Lucien. Sie sehen, ich erzähle Ihnen alles. Aber das ist wichtig. Nur so kann man meine Düfte verstehen. Ich kippe nicht einfach Essenzen zusammen. Naja, jedenfalls musste meine Mutter mich letztendlich doch in eine Pflegefamilie geben. Ich habe die Trennung von meiner Mutter als Annäherung erlebt. Ich sah sie ja nur selten, sie besuchte mich ab und zu bei der Familie, die mich großzog. Also erfand ich sie mir. Das hat mich für mein ganzes Leben geprägt: Ich habe sie nicht nur erfunden, sondern auch ihr Leben gelebt. Natürlich nicht im äußerlichen Sinne, aber ich habe fast auf meine eigene Identität verzichtet, um als meine Mutter zu leben. Sonst wäre ich gestorben. Das ist also mein Schicksal. Dieses Schicksal erfüllt sich in allem, was ich tue. Ich war nicht in verschiedenen Berufen tätig, ich habe immer dasselbe getan, ob in Fotos, Make-ups, immer. Die tragische Geschichte meiner Mutter war meine große Chance. So kam ich auch zur Farbe Schwarz, die meine Trauer ausdrückt. Auch die Trauer um mich selbst, denn ich konnte mein eigenes Leben ja kaum leben, ich gab es schon als Junge auf und fühlte mich immer irgendwie fehl am Platz. Vermutlich hat sich sogar mein Körper durch meine Entscheidung verändert. Chanel hat etwas Ähnliches erlebt. Sie wurde von ihrem Vater verlassen. Sie hat ihn nachgelebt und auch sie liebte Schwarz sehr. Auch sie trug Trauer. Sie hat vielleicht andere Frauen befreit, blieb aber selbst zeitlebens in ihrer Geschichte gefangen. Auch Saint Laurent war eine schwarze Persönlichkeit.

Sascha Sarmast: Ihre erste Dufterinnerung?

Serge Lutens: Es gibt keine erste Erinnerung. Ein Duft resultiert aus ganz vielen Dingen, aus allem, was man erlebt. Kein Sinn ist unabhängig von den übrigen. Alles wird angelegt, bevor man sieben Jahre alt wird. Dann erreicht man das Alter der Vernunft. In den ersten sieben Jahren sammelt man alles, was später die Gefühle, die Farben, die Codes und die Entscheidungen ausmachen wird – ohne es zu wissen. In diesem Gemenge der Sinne befindet sich auch so etwas wie ein Grundvorrat an Gerüchen. Es sind ungefähr 550.000. Sie sind mit guten und schlechten Erlebnissen verknüpft. Diese Gerüche verzweigen sich weiter, wie Eisenbahngleise oder Ameisenstraßen. Jetzt sind es nicht mehr nur 550.000 Gerüche, sondern Hunderte Millionen, denn das Ganze ist endlos. Den ersten Geruch, den Sie wahrgenommen haben, finden Sie in andern Gerüchen wieder. Die ersten großen Parfümeure der Erde waren Wind, Pollen, Regen, Flüsse und Sonne. Wenn man für einen Duft einen Geruch nachempfinden will, muss man sozusagen rückwärtsgehen. Wenn man einen bestimmten Blütenduft nicht hat, kann man ihn „nachbauen“. Es gibt in der Parfümerie zum Beispiel keine Lilienessenz. Man kann diesen Duft aber sehr gut aus Rose, Jasmin und Tuberose zusammensetzen. Man demontiert die Natur und entdeckt in diesem Prozess eine Empfindung.

Sascha Sarmast: Wie beschreiben Sie den Unterschied zwischen Salzwasser und Zuckerwasser?

Serge Lutens: Eine schwierige Frage. Salzwasser ist ein Wasser mit einer Geschichte, die Salze sind über einen langen Zeitraum hineingelangt. Es stillt nicht den Durst, sondern lässt einen verdursten. Zucker wiederum kann trostreich, aber auch gefährlich sein. Wasser will eigentlich weder das eine noch das andere sein. Wasser will nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden, es will nur den Durst stillen. Es kann auch heilsam sein – zum Waschen, zum Segnen… Wasser ist in allen Kulturen ein sehr starkes Symbol. Der Philosoph Gaston Bachelard hat darüber ein interessanten Buch geschrieben, „L’Eau et les rêves“ (Das Wasser und die Träume).

Sascha Sarmast: Welche Bedeutung hat Mode für Sie?

Serge Lutens: Wenn es wirklich nur eine Mode ist, interessiert es mich nicht. Wenn ich dahinter keine Geschichte spüre, wie zum Beispiel bei Saint Laurent, bei Chanel oder Yohji Yamamoto, der von seiner Mutter allein großgezogen wurde und großen Respekt vor Frauen hat, interessiert Mode mich nicht. Ich hasse es, wenn dahinter fantasielose Menschen stehen, die sich über Frauen nur lustig machen. Ich mag Mode, die eine tiefe Menschlichkeit ausstrahlt. Die anderen Modemacher sind Strippenzieher, die nur auf Geld und Erfolg aus sind. Sie wollen auffallen. Das ist heutzutage nicht leicht, weil alle dasselbe tun. Ich will nicht auffallen, im Gegenteil: Ich will, dass man auf mich aufmerksam wird. Das macht vielleicht meinen Stil aus.

Sascha Sarmast: Ihr Lieblings Modeschöpfer?

Serge Lutens: Ich mag Yohji Yamamoto. Auch Saint Laurent gefiel mir damals gut, als er ganz schlichte, klare Sachen gemacht hat. Außerdem gefallen mir neue Ideen, die mir immer mal über den Weg laufen, eher nützliche Dinge. Oder Chanel zu ihren Lebzeiten. Jedenfalls Menschen, die sich einer Idee verschrieben haben und nicht einfach ein System am Laufen halten. Wozu soll das gut sein? Wenn man bedenkt, wie wenig Lebenszeit wir haben, sollte man dafür wirklich nicht seine Zeit verschwenden. Es gibt zu viel zu tun. Ich nehme meine Arbeit ja ziemlich ernst. Das merkt man nicht immer, aber es ist so. Auch wenn ich viel lache. Das muss sein. Ich habe immer gelacht und bringe gerne Menschen zum Lachen.

Santal Majuscule Serge Lutens Beautydelicious

Die neueste Kreation von Serge Lutens heißt “Santal Majuscule”. Majuscule bedeutet auf französisch groß oder Großbuchstabe, Santal bedeutet Sandelholz. Zahllose subtil miteinander verwobene Aromen vermengen sich zu einer wunderbar betörenden, harzig-süßen Komposition, deren Hauptbestandteile Sandelholz, türkische Rose und Kakao sind. Die Inspiration zu diesem Duft entspringt einer Episode seiner Kindheit.
Ein einem eisigen Morgen im Jahr 1952 macht sich der junge Serge auf den Weg zur Schule und verliert sich auf dem Weg dahin in seiner eigenen Traumwelt, sodass er schließlich verspätet zum Unterricht erscheint. Dort fokussiert er sich kurz auf den Unterricht ist jedoch bald wieder in seinen fantastischen Gedanken gefangen. Der ohnehin schon aufgebrachte Lehrer schnaubte ihn an, warum er denn im Aufsatz vom Vortag über das Mittelalter spezielle Substantive mit einem verzierten Großbuchstaben versehen hatte. (In Französisch werden die Substantive für gewöhnlich kleingeschrieben). Nach einigem Zögern und weiteren Vorwürfen des Lehrers erwiderte Serge Lutens “Weil ich das bin!”. Der Lehrer entgegnet ihm: “Weil Sie was sind: der Himmel? Der Schnee, der Wolf, die Blumen? Ach, eins habe ich noch vergessen: die Prinzessin. Erklären Sie mir das!”
Wie auf einem Amboß hämmerte der Junge die vier Wörter: “Ja. Das. Bin. Ich!
Mit einem Schulterzucken und Gekicher aus der hinteren Reihe war die Sache erledigt. Alles war gesagt. Stolz verlangt nach Beachtung. Deshalb stellte der Junge sich vor, wie er in Ritterrüstung auf einem Pferd zusammen mit einer fantastischen Prinzessin in Trauerkleidung zur Krönungsmesse in eine Kirche einreitet, und zwar zum Zeitpunkt der Wandlung. In dem Moment also, wo der Priester die große Hostie zum Kreuz und dem Gekreuzigten emporhebt.

Serge Lutens • Santal Majuscule • 50 ml • ca. 100 € • www.sergelutens.com

Bilder: PR/ Franceso Brigida

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