Über Geld spricht Frau

Ich bin noch mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass man nicht über Geld spricht und auch, dass sich der Mann um die Geldangelegenheiten der Familie kümmert. Bei meinen Großeltern hatte meine Oma ein monatliches Haushaltsgeld, mit dem sie wirtschaftete und bei allem anderen hat sie sich auf meinen Opa verlassen. Nur kann Frau heute nicht mehr davon ausgehen, dass sie bis zum Lebensende von ihrem Mann versorgt wird. Zudem ist Altersarmut und Rente ein Thema, vordem wir unsere Augen nicht verschließen sollten. Zehn Prozent der Frauen 
in Deutschland leben in Altersarmut (Quelle: SZ).

Also ist es an der Zeit, offen über Geld zu sprechen. Diese Möglichkeit bot sich mir im Rahmen des Deka x Myself Coaching „Starke Frauen brauchen starke Finanzen“ in Berlin. Neben Insights von Lea Lange, Gründerin und Geschäftsführerin der Lifestyle-Plattform Juniqe und einem Kommunikations-Training mit Sigrid Meuselbach, nahm ich noch an einem Finanzcoaching mit Dr. Gabriele Widmann, Deka-Konjunkturexpertin und Volkswirtin, teil. Sie machte dabei die aktuelle Finanzlage verständlich und erklärte, welche Chancen und Herausforderungen sich für Frauen in diesem Zusammenhang ergeben. Das war so erhellend für mich, dass ich sie zu einem Interview bat. Denn wer fordert, dass Frauen mehr Egoismus bei der Altersvorsorge brauchen, hat Interessantes zu erzählen.

1. Ich habe von meiner Großmutter noch gelernt, dass es sich lohnt zu sparen. Nun höre ich dauernd vom Niedrig- bzw. Nullzins und dass derjenige, der Geld bei einer Bank festverzinslich anlegt oder anderswo lagert, sogar Geld verliert. Wie lange hält diese Zinsphase noch an und was habe ich für Alternativen, um doch noch mein Geld zu vermehren?

Gabriele Widmann: Die Sparzinsen sind seit Jahren extrem niedrig und das wird eine ganze Weile noch so bleiben. Durch die lang anhaltende Niedrigzinsphase hat sich die Art und Weise des Sparens verändert: Während früher auf das traditionelle Sparbuch eingezahlt wurde, richtet sich heutzutage der Blick verstärkt auf alternative Geldanlagen. Klassische festverzinsliche Bankeinlagen bieten Zinsen, die niedriger sind als die Inflationsrate. Damit verliert das Ersparte stetig an Kaufkraft. Wertpapiere, insbesondere Aktien, bieten dagegen die Chance, dass sich das Ersparte mittel- und langfristig mehrt – auch nach Abzug der Inflation.

2. Woran liegt es, dass Deutsche bei den Wertpapier-Anlagen so zurückhaltend sind und immer noch eher auf Sparbuch & Co. setzen? Ich bin halbe Amerikanerin und beobachte, dass auf der anderen Seite des Atlantiks viel entspannter mit dem Thema Wertpapiere umgegangen wird.

Gabriele Widmann: Tatsache ist, dass sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit der Wertpapieranlage weiterhin schwer tut. Die wenigsten Deutschen wagen aus Sorge vor möglichen Kursverlusten den Schritt an die Börse. Hinzu kommt, dass sie die vermeintlich zu große Komplexität der Aktienanlage scheuen und sie daher von vornherein ablehnen. In den USA hingegen herrscht eine vollkommen andere Mentalität, die Aktienkultur ist viel tiefer verwurzelt. Dort sind Investmentfonds mit einem hohen Aktienanteil beispielsweise eine der tragenden Säulen der Altersvorsorge.

3. Ich bin freiberuflich tätig – welche Art von Investment macht für meine Altersvorsorge Sinn?

Gabriele Widmann: Für Freiberufler ist es noch wichtiger, sich frühzeitig und intensiv um die Altersvorsorge zu kümmern als für Menschen, die durch ihre Berufstätigkeit Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung erwerben. Allgemein gilt: Wertpapiere sind eine wichtige Säule der Altersvorsorge und für den privaten Vermögensaufbau. Sie haben zwar ein höheres Risiko, schwanken also stärker, versprechen dafür aber auch mittel- und langfristig höhere Erträge. Mit Blick auf die Schwankungsanfälligkeit empfehle ich einen Fondssparplan. Mit ihm können Sie schon ab einer monatlichen Einzahlung von 25 Euro langfristig für das Alter vorsorgen.

4. Worauf sollten Frauen im Allgemeinen bei Geldanlagen achten?

Gabriele Widmann: Frauen sollten – ganz unabhängig vom Alter – eigenes Vermögen aufbauen. Das bedeutet, dass das Geld auf den eigenen Namen der Frau angelegt ist. Das ist alles andere als selbstverständlich, wie ich immer wieder zu meiner Überraschung feststellen muss. Zur Gleichberechtigung gehört auch, Verantwortung für das eigene Geld zu übernehmen. Für die Geldanlage gibt es ein paar allgemeine, ganz einfache Regeln: Zunächst einmal ist es wichtig, sein Vermögen möglichst breit zu streuen, das heißt, in verschiedene Anlageklassen, Branchen und Regionen zu investieren. Man kauft also neben klassischen Bankanlagen auch Aktien aus unterschiedlichen Branchen und Ländern sowie festverzinsliche Wertpapiere von unterschiedlichen Schuldnern. Am einfachsten funktioniert die Anlage von Wertpapieren über Investmentfonds. Dort kümmert sich ein/e professionelle/r Fondsmanager/in um Kauf und Verkauf der Einzelwerte. Entscheidend ist neben der breiten Streuung auch der Zeithorizont: Je früher ich damit beginne, Geld langfristig anzulegen, desto höher sind dank des Zinseszinseffekts meine Chancen auf eine ansehnliche Vermögensbildung. Schließlich hilft regelmäßiges Sparen. Lassen Sie einfach Monat für Monat einen festen Betrag für den Fondssparplan am Monatsanfang vom Konto abbuchen. Sie werden staunen, welche schöne Summe da über die Jahre zusammenkommt.

5. Welches war Ihre beste / welches Ihre schlechteste Geldanlage?

Gabriele Widmann: Oh ja, bei der „Neue Markt“-Euphorie um das Jahr 2000 herum habe ich schon ein paar schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Aktien-Einzeltitel musste sogar mit Wert Null aus meinem Depot ausgebucht werden, das tat weh. Woran ich aber schon seit Jahren eine große Freude habe, das sind meine globalen Aktienfonds – sie profitieren vom Wachstum der Weltwirtschaft und werden das meiner Ansicht nach auch über die kommenden Jahrzehnte hinweg tun.

6. Das Thema Geldanlagen ist natürlich stark vom Einkommen abhängig, wo mit dem Gender Income Gap und Frauenquote in Führungspositionen noch einiges im Bereich Gleichstellung geleistet werden könnte. Wie sieht das Frauen- und Männerverhältnis in der Finanzbranche aus: wie hoch ist der Frauenanteil in dem Bereich im Allgemeinen und speziell in Führungspositionen? 

Gabriele Widmann: Frauen sind in den Chefetagen großer Konzerne in Deutschland immer noch unterrepräsentiert. Dieses Bild spiegelt sich auch in der Finanzbranche wider. Banken und Versicherungen sind traditionell nach wie vor eher eine Männerdomäne. Zwar steigt der Anteil von Frauen in Führungspositionen langsam, der Finanzsektor hat aber noch deutlichen Nachholbedarf. Von einem ausgeglichenen Verhältnis von Frauen und Männer sind wir leider noch weit entfernt.

7. Wer legt besser an: Frauen oder Männer?

Gabriele Widmann: Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt da allerdings diese große Stärke der Frauen, lange und sorgfältig zu überlegen, dann eine Anlageentscheidung zu treffen und bei dieser auch zu bleiben. Männer hingegen schichten häufiger um. Das kann den Anlageerfolg beträchtlich mindern, frei nach dem Motto „Hin und her macht Taschen leer“.

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